Das Weihrauchland

Auch wenn der in Europa angebotene Weihrauch fast ausschließlich aus Eritrea importiert wird, gilt der Süden der arabischen Halbinsel, das Gebiet der heutigen Staaten Jemen und Oman traditionell als das Weihrauchland. Weihrauchgebende Boswellia-Arten wachsen nur in einer durch Temperatur und Niederschlagsmenge eng umgrenzten Region. Die Landschaften Hadramaut und Dhofar liegen im Juli und August unter Einfluß monsunaler Strömungen, deren feuchte Luftmassen sich an den Hängen des hinter der Küstenebene gelegenen Höhenzuges abregnen. An dessen flachen Nordosthängen liegt das Hauptverbreitungsgebiet des Weihrauchbaumes. Es deckt sich weitgehend mit dem Bereich, in dem sich die Wolken aufzulösen beginnen.

An der arbeitsintensiven Ernte waren vorrangig vier Personengruppen beteiligt: die Händler, die das Sammeln organisierten; die Eigentümer, die entweder selbst sammelten oder ihre Bäume an Sammler verpachteten; die Sammler, die den Weihrauch ernteten; und schließlich die Beduinen, die den Weihrauch für die Händler transportierten. Die Sammler waren früher monatelang in kleinen Gruppen in der Hitze des arabischen Sommers unterwegs. Hinzu kam die Gefährdung durch Raubkatzen und zahlreiche Giftschlangen. Neben den Wüstenbeduinen, die mit diesem entbehrungsreichen Leben am besten vertraut sind, waren in der Saison alle in den Küstenorten verfügbaren Arbeitskräfte mit der Ernte beschäftigt. Auch Gastarbeiter aus Somalia kamen regelmäßig in den Sommermonaten zur Unterstützung. Neben dem aktiven Sammeln bei eigenen Bäumen oder in Gebieten der Baumbesitzer eröffnete sich den Beduinen besonders durch den Transport eine Einnahmequelle, die es ihnen ermöglichte, nicht selbst produzierte Waren einzukaufen.

Heute ist die Weihrauchwirtschaft Dhofars vollständig zum Erliegen gekommen. Einzig zum Eigengebrauch wird noch geerntet. Die moderne wirtschaftliche Entwicklung Omans bindet alle Arbeitskräfte. Am Weihrauchhandel ist keiner mehr interessiert, da das Geschäft wegen des hohen Lohnniveaus nicht mehr sonderlich rentabel ist. Leidtragende sind vor allem die Beduinen, die vom „Erdölkuchen“ nichts abbekommen.

Die Weihrauchstraße

Welchen Wert der Weihrauch zu frühen Zeiten hatte, belegen Zeugnisse antiker Autoren. Der Bedeutung dieses kostbaren Wirtschaftsgutes gemäß heißt der bedeutendste Handelsweg im Nahen Osten auch Weihrauchstraße. Sie verband die Küsten des indischen Ozeans mit denen des Mittelmeeres. Auf ihr legten spätestens im 10. Jahrhundert v. Chr. Karawanen in etwa 70 bis 90 Tagen die etwa 3500 km lange Strecke zurück. Ausgangspunkt der Weihrauchstraße war die hadramautische Hauptstadt Saba. Hierher wurden – zum Teil zu Schiff über die Hafenorte Mos’cha und Cana – die Waren aus den Produktionsgebieten Dhofar und Hadramaut angeliefert. Die weitere Route führte über Timna, Nadjran – von wo eine Querverbindung in nordöstlicher Richtung nach Gerrha angenommen wird – und Yathrib, dem späteren Medina, nach Petra im Land der Nabatäer. In Gaza verzweigten sich die Routen nach Alexandria und Damaskus, von wo aus der mediterrane sowie der mesopotamische Markt beliefert wurde. Der konkrete Verlauf der Handelsmagistrale ist nicht eindeutig festzulegen, da die häufig wechselnden Machtverhältnisse auf der arabischen Halbinsel Verlagerungen mit sich brachten. Durch verschiedene Zölle verteuerte sich eine Kamelladung Weihrauch auf das Doppelte des Materialwertes. Durch die Gewinnspannen der Karawanenführer und Zwischenhändler erhöhte sich der Preis nochmals um 200%. In Rom wurde daher ein Kilogramm Weihrauch für 13 Denare verkauft.